Eine Geschichte im Advent

Eine Geschichte im Advent

Sie stand vor einer Schaufensterauslage in der kleinen Stadt. Das Fenster war, wie alle Schaufenster in der Einkaufsstrasse, vorweihnachtlich geschmückt. Helle Lämpchen an den künstlichen Tannenzweigen beleuchteten die hübschen Auslagen. Leise weihnachtliche Musik war vom nahen Weihnachtsmarkt zu hören.

Interessiert betrachtete sie die dekorierten Bekleidungsstücke. Eigentlich wollte sie gar nichts kaufen, aber diese hübsche blaue Strickjacke gefiel ihr schon. Nur der angeheftete Preis war nicht nach ihrem Geschmack. Während sie noch überlegte, stand plötzlich ein Mann neben ihr. Auch er schaute sich interessiert das Schaufenster an. Dann sagte er zu ihr: „Junge Frau, diese blaue Strickjacke würde gut zu Ihnen passen.“

Sie blickte den Mann von der Seite an und musterte ihn interessiert. Immer noch schaute der in das Schaufenster und betrachtete intensiv die ausgestellten Teile. Der Mann war nicht mehr jung und auch nicht sehr gross. Er trug einen hellen Mantel, einen Trenchcoat, mit Schulterklappen und hatte ihn in der Mitte mit einem Gürtel zusammengebunden. Seine beiden Hände hatte er tief in den Manteltaschen vergraben. Auf dem Kopf trug er einen dazu passenden Filzhut, den er etwas schief aufgesetzt hatte. Er drehte sich zu ihr und lüftete den Hut. Ganz Kavalier grüsste er sie, als er ihre Blicke bemerkte. Sie sah, dass seine kurzen Haare in ganz altmodischer Form streng nach hinten gekämmt waren. Irgendwie erinnerte er sie an jemanden. Wenn sie nur wüsste, an wen? Es würde ihr aber bestimmt noch einfallen.

„Guten Abend, junge Frau“, sagte er dann und setzte seinen Hut wieder auf. Da musste sie doch lachen und sagte: „Danke für die junge Frau, aber so ganz jung ist die auch nicht mehr.“ Er antwortete leise: „Das Alter hat doch keine Bedeutung, wichtig ist doch, wie man sich im Herzen fühlt.“ Sie nickte wortlos und wollte ihren Bummel fortsetzen.

Der Mann hielt sich jedoch sachte am Arm fest und sprach weiter: „Es ist sonst nicht meine Art, fremde Damen anzusprechen. Aber möchten Sie mich nicht in das nächste Cafe begleiten und mit mir einen Kaffee trinken. Ich lade Sie sehr herzlich dazu ein.“

Etwas verwundert schaute sie in an und wollte schon ablehnend weitergehen. Zögerlich liess der Mann ihren Arm los und sagte lächelnd: „Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ich warte in diesem Cafe auf meinen Sohn. Ich bin etwas zu früh und es wäre schön, wenn Sie mir die Wartezeit durch Ihre Anwesenheit etwas verkürzen – aber nur, wenn Sie Zeit und Lust haben“, fügte er dann nach einer kleinen Atempause hinzu.

Sie dachte kurz nach. Zeit hatte sie, die hatte sie sich heute, an ihrem freien Tag, ja für den Einkaufsbummel nehmen wollen. Aber warum sollte sie diesem netten älteren Mann keine Gesellschaft leisten, während dieser auf seinen Verwandten wartete? Sie hatte nichts zu versäumen. Ihr war inzwischen kalt und Appetit auf einen Kaffee hatte sie auch.

Sie nickte zustimmend und gemeinsam gingen sie zu dem kleinen Cafe am nahen Marktplatz. Dort fanden sie an einem kleinen Tisch direkt am grossen Fenster einen guten Platz mit Blick auf den Weihnachtsmarkt.

Der Mann half ihr aus dem Mantel. Während er für sie beide Kaffee bei der Bedienung orderte, schaute sie hinaus auf die geschmückten Stände des Weihnachtsmarktes. Obwohl es noch früher Nachmittag war, funkelte und glitzerte es an allen Ständen und sie nahm sich fest vor, später noch einen Bummel über den Markt zu machen.

Wehmütig dachte sie an letztes Jahr und den letzten Weihnachtsmarkt. Damals war sie überglücklich mit ihrer neuen Liebe über den Markt gezogen, sie hatten gemeinsam Glühwein getrunken und Brezeln gegessen. Zusammen hatten sie auf dem alten Karussell auf zwei weissen Holzpferdchen gesessen, sich an den Händen gehalten und die gemeinsame Zeit genossen. Doch trügerisch war dieses Glück gewesen. Bald nach Weihnachten hatte ihm eine andere besser gefallen und sie war wieder alleine. Und, nun ja, die Jüngste war sie nun wirklich nicht mehr. Die Vierzig hatte sie letztes Jahr überschritten. Und wieder war sie allein. Sicherlich würde sie in wenigen Tagen alleine unter ihrem kleinen Tannenbäumchen sitzen.

Der Mann, der ihr gegenüber sass, sprach sie an: „Nun, auf einmal so traurig? Möchten Sie darüber reden oder lieber Ihren Kaffee trinken?“ Sie schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. Schnell war ihre Traurigkeit verflogen. Der Mann hatte inzwischen seinen Hut abgenommen und ihn neben sich auf den Stuhl gelegt, so als ob er den reservieren wollte. Seinen Mantel hatte er zwar geöffnet, aber anbehalten.

Wieder musterte sie den Mann. An wen erinnerte er sie nur? Natürlich – er hatte irgendwie Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Humphrey Bogart. Jetzt musste sie lächeln. Der Mann schaute ihr ins Gesicht und sagte dann: „Das Lächeln steht Ihnen besser wie die Traurigkeit. Da sieht man Ihre lustigen Grübchen.“

Während beide ihren Kaffee tranken und ein wenig über dies und jenes plauderten, verging die Zeit. Der Mann begann auf einmal, nervös auf seine Uhr zu schauen und sagte dann: „Seltsam, wo nur mein Sohn bleibt? Ich glaube, ich gehe mal vor die Tür, um nach ihm zu sehen. Warten Sie doch bitte noch einem Moment“. Er nahm seinen Hut, setzte ihn auf und ging vor die Tür.

Sie trank ihren Kaffee aus und wartete eine Weile. Als der Mann aber nach einer Viertelstunde nicht zurück war, winkte sie der Bedienung, um ihren Kaffee zu zahlen und um weiterzugehen. Wahrscheinlich musste sie jetzt noch den Kaffee von ihrem „Kavalier“ zahlen, der sie hier verlassen hatte. Die Bedienung kam, brachte ihr jedoch einen weiteren Kaffee und sagte: „Den soll ich Ihnen von ihrem Begleiter bringen. Er hat diesen Kaffee noch extra für Sie bestellt, bevor er gegangen ist. Und bezahlt hat er auch schon alles.“

Die freundliche Kellnerin stellte den Kaffee vor sie hin und ging dann an den Nachbartisch. Innerlich schüttelte sie jetzt den Kopf. Was war denn das jetzt gewesen? Erst zum Kaffee eingeladen und dann sitzen gelassen werden. Was waren das denn für Manieren? Und warum hatte der Mann extra für sie noch einen Kaffee bestellt und war gegangen, ohne sich zu verabschieden?

Sie konnte das nicht verstehen und sinnierte eine Weile vor sich hin.

„Gestatten Sie, ist der Platz noch frei?“ Sie schaute auf und sah in das freundliche Gesicht eines Mannes, der in dem voll besetzten Cafe keinen anderen freien Platz gefunden hatte. Sie nickte wortlos und der Mann setzte sich auf den Stuhl, auf dem vorher ein Hut gelegen hatte.

Er bestellte sich einen heissen Tee und bedankte sich dann bei Ihr: „Vielen Dank, dass ich hier sitzen darf. Ich war in der Stadt unterwegs und bin jetzt vollkommen durchgefroren. Ich brauche dringend etwas Heisses zum Wärmen“.

Der Mann hatte eine nette Art. Er war wohl in ihrem Alter oder etwas älter. Erste silberne Fäden zogen sich durch sein dunkles kurzes Haar. Sie fühlte sich sofort wohl in seiner Gesellschaft. Schnell hatte sich eine lebhafte Unterhaltung ergeben, wobei sie jedoch gar nicht das Bedürfnis hatte, diesem Mann von der vorangegangenen Begegnung zu erzählen.

Eine lange Weile sassen sie zusammen. Sie hatten sich noch einmal Kaffee und Tee nachbestellt und sogar von einer leckeren Torte genascht. Längst waren sie zum vertrauten Du übergegangen. Sie hatten sich so viel zu erzählen und waren miteinander so vertraut, als ob sie sich schon sehr lange kennen würden. Draussen war es inzwischen dunkel geworden und irgendwann beschlossen die beiden, einen gemeinsamen Bummel über den Weihnachtsmarkt zu machen. Sie fragte ihn lachend, ob er denn mit ihr zusammen auch auf dem alten Karussell fahren würde. Da zögerte er und meinte: „Weisst du, das möchte ich nicht. Das weckt Erinnerung an eine alte Liebe, die mich bald nach der letzten Fahrt auf diesem Karussell im letzten Jahr verlassen hat. Daran möchte ich heute nicht erinnert werden“.

Betroffen schaute sie in an. Es war ihm wohl genauso ergangen wie ihr. Er aber sprach ohne Scheu weiter: „Ja, es war bei ihr wohl nur ein Strohfeuer. Ich habe zunächst sehr unter der Einsamkeit gelitten. Immer wieder habe ich mit meinem verstorbenen Vater Zwiesprache gehalten, er möge mir doch helfen. Mein Vater ist schon viele Jahre tot, aber immer noch suche ich Rat bei ihm. Ich habe das Gefühl, dass er mir auch antwortet und oft in meiner Nähe ist. Nach diesen Zwiegesprächen mit ihm fühle ich mich immer besser. So war es auch im letzten Jahr und ich meine, seine Antwort auf meine Bitten zu wissen. Ich fühle, dass er mir einen Engel vorbeischicken wird, der mir aus der Einsamkeit hilft und mich wieder an die Liebe glauben lässt. – Ich meine fast – der Engel ist schon da, auch wenn es ein irdischer ist“.

Er schaute sie liebevoll an und sie erwiderte diesen Blick. Sie freute sich über seine Offenheit und über seinen kindlichen Glauben. Sie selbst konnte ihm das alles nachfühlen – die Einsamkeit, das Verlassen sein, aber auch seinen Glauben an die Geistige Welt. Denn der Glaube an die Geistige Welt und ihren Schutzengel gab ihr immer wieder Mut und hatte sie auch im letzten Jahr wieder aufgerichtet.

Er winkte der Bedienung, um zu zahlen. Sie wollten jetzt Ihren gemeinsamen Bummel beginnen. Und wer weiss, vielleicht war das der Beginn eines neuen Anfangs. Er holte seine Geldbörse aus der Hosentasche und klappte diese auf. Sie sah, dass er in einem kleinen Sichtfach ein Bild stecken hatte. Neugierig blickte sie darauf und ihr Begleiter zeigte es ihr bereitwillig.

Was sie sah, machte sie fassungslos. Sie sah das Bild eines Mannes, nicht allzu gross, in einem hellen Trenchcoat und einem Filzhut. Das war doch der Mann, der sie vorhin in das Kaffee geführt hatte.

„Schau, das ist mein Vater“, hörte sie den Mann an ihrer Seite sagen. „Schaut er nicht aus wie Humphrey Bogat? Er war ein leidenschaftlicher Verehrer von ihm und hat sich den Film „Casablanca“ bestimmt zwanzig Mal in seinem Leben angesehen. Er hat sich gerne so gekleidet wie er, trug sogar die gleiche Frisur. Ich trage dieses Bild immer bei mir.“ Sie nickte, brachte aber keinen Ton heraus. Gemeinsam mit ihm verliessen sie das Cafe.

Draussen vor der Tür blieben beide stehen und schauten sich fest in die Augen. Wie selbstverständlich nahm er ihre Hand und ging mit ihr zum nahen Weihnachtsmarkt. Sie verstanden sich ohne Worte, auch wenn sie sich erst einige Stunden kannten. „Ich glaube, wir sollten doch gemeinsam Karussell fahren“, meinte er dann lachend und beide gingen Hand in Hand in ein neues Glück.

Innerlich danke sie der Geistigen Welt, allen Engeln, und vor allem ihrer liebevollen Erscheinung. Irgendwann würde sie ihrer neuen Liebe von der heutigen Begegnung erzählen, aber das hatte noch etwas Zeit.

 

Bilder: Weihnachtsmarkt Landau/Pfalz